WERKSTATT: CYANKALI

Hete ist schwanger. Da sie und ihr Freund Paul plötzlich ohne Einkommen dastehen, versucht die Zwanzigjährige alles, um das Ungeborene loszuwerden. Letztlich ist es ihre Mutter, die ihr Zyankali verabreicht. Das Gift wirkt, auch weil Hete eine Überdosis geschluckt hat. Doch der eilig gerufene Arzt kann der Sterbenden nicht mehr helfen. Stattdessen zeigt er sie und ihre Mutter an: wegen Abtreibung.

Als »Cyankali« 1929 in Berlin uraufgeführt wurde, galt der Abbruch einer Schwangerschaft als Straftat. Auch 2018 hat sich daran nichts geändert. In dieser an das Skandalstück des Arztes und Dramatikers Friedrich Wolf angelehnten Inszenierung legen Frauen Zeugnis ab. Sie werden selbst zum Zeugnis ihrer Geschichte, ihrer Straftaten, ihrer Entscheidungen über Leben und Tod. Wer nicht kommt, würde nie davon erfahren. Denn so vielfältig die Gründe für einen Schwangerschaftsabbruch sind, so groß ist die Angst, darüber zu sprechen, selbst mit engen Vertrauten. Diese Inszenierung ist keine Suche nach Schuldigen oder der Versuch, Urteile zu fällen. Vielmehr wird das Tabu infrage gestellt, das bis heute verhindert, dass werdende Eltern selbstbestimmte, würdige und unaufgeregte Entscheidungen treffen. Zeit für ein Remake!